Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber

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Gemeinschaftsunterkunft

Die Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber (kurz GU) - offiziell Zentrale Rückführungsstelle (kurz ZRS) - befindet sich in einem massiv - unter anderem mit Stacheldraht - eingezäunten ehemaligen Kasernengelände in der Veitshöchheimer Straße 100 (Bundesstraße 27) im Westen Würzburgs im Stadtteil Dürrbachau (Stadtbezirk Dürrbachtal). Rund um die Lebensbedingungen in der Gemeinschaftsunterkunft gibt es eine schon seit Jahren andauernde Kontroverse. Die Diskussion erreichte Anfang 2012 einen Höhepunkt, nachdem der iranische Flüchling Mohammad Rahsepar am 29. Januar 2012 in der Gemeinschaftsunterkunft Suizid begangen hatte.

Lage[Bearbeiten]

Umgeben wird die Gemeinschaftsunterkunft mit Stadtrandlage von der Alfred-Nobel-Straße (nordöstlich), der Pfaffenbergstraße (südöstlich), der Albert-Einstein-Straße (nordwestlich) und der Veitshöchheimer Straße (südwestlich). Im Umfeld der Unterkunft befinden sich das Gewerbegebiet Neuer Hafen (im Süden), das Gewerbegebiet Veitshöchheimer Straße (im Norden) und das Gewerbegebiet Dürrbachau (im Osten).

Geschichte[Bearbeiten]

Die Gebäude auf dem Areal stammen größtenteils aus den 1930er Jahren. 1938 wurde die Kaserne in „Adolf-Hitler-Kaserne“ umbenannt. Nach dem Krieg zog die US-Armee in die Kaserne ein, die fortan Emery Barracks genannt wurde. Das Militätareal beherbergte die ADA (Air Defense Artillery), eine Luftabwehreinheit mit Raketenstellungen auf dem Pfaffenberg. Schießübungen absolvierten die Soldaten im Mittelmeer vor Kreta. 1992 verließen die letzten US-Soldaten die Emery Barracks.

Seit dem Jahr 1992 dient der Kasernenkomplex als „Asylbewerberheim des Freistaats Bayern“ für 450 Menschen aus 35 Nationen. Die Asylbewerber sind hier teils recht lange untergebracht und warten auf ihr Asylverfahren - zum Teil über ein Jahr. Hausrecht hat die Regierung von Unterfranken, die hier das Asylrecht (Asylverfahrensgesetz) für den Bund und das Land Bayern praktiziert. Das Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen ist obere Fachaufsichtsbehörde der Landkreise und kreisfreien Gemeinden bei diesen Aufgaben.

Der Würzburger Stadtrat hat zur Fortführung der GU bis Juni 2015 seine Zustimmung gegeben. Diese hat jedoch nur rein symbolischen Wert, da die Regierung von Unterfranken rein rechtlich darauf nicht angewiesen ist. Zudem wird eine Verbesserung der Lebensbedingungen angestrebt (vgl. Punktekatalog).[1]

2013 veranstaltete der Würzburger Diözesan-Caritasverband erstmals ein Sommerfest für die Bewohner der Gemeinschaftsunterkunft, das sehr gut angenommen wurde.[2]

Anzahl und Herkunft der Flüchtlinge[Bearbeiten]

Im Jahr 2013 waren etwa 430 Flüchtlinge aus 30 Nationen in der GU untergebracht, darunter auch Kinder und Jugendliche. Die meisten Bewohner stammen aus den Ländern Irak, Iran, Äthiopien und Sudan. 2014 erhöhte sich die Anzahl der Flüchtlinge nochmals und es erfolgte zeitweise die Unterbringung in mobilen Wohnmodulen.[3] Gegenwärtig leben bis zu 470 Personen in der Gemeinschaftsunterkunft.

Begriffe[Bearbeiten]

Offizieller Name der Gemeinschaftsunterkunft ist Zentrale Rückführungsstelle (ZRS). Es handelt sich um eine Außenstelle der Zentralen Rückführungsstelle Nordbayern, die für die Regierungsbezirke Mittelfranken, Oberfranken, Unterfranken und Oberpfalz zuständig ist.[4] Der Name lässt darauf zurückführen, dass die Gesetzeslage zunächst einmal nicht von erfolgreichen Asylverfahren ausgeht. Dass darin für die später erfolgreichen Asylbewerber eine Diskriminierung liegen könnte, bleibt unbeachtet.

Im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich dagegen die Bezeichnung Gemeinschaftsunterkunft für die Außenstelle eingebürgert.

Kritik an Lebensbedingungen[Bearbeiten]

Kritisiert werden vor allem die menschenunwürdigen Lebensbedingungen innerhalb der Gemeinschaftsunterkunft und die bewusste Isolation der Flüchtlinge. Der Würzburger Stadtrat stellte diesbezüglich 2012 einen Punktekatalog mit zehn Forderungen an den Träger auf. Zentrale Forderungen waren:[1]

  • Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge
  • Familienappartements
  • Verbesserungen der Sanitäranlagen
  • Lebensmittel-Gutscheine statt Essenspakete (beim Einkaufen biete sich die Gelegenheit zur Begegnung mit Einheimischen, der deutschen Sprache und Kultur)(siehe auch)
  • erleichterter Zugang für Besucher (bisher ist ein Besuch des dort ehrenamtlich geführten Heimcafés nur auf Einladung eines Bewohners nach vorheriger namentlicher Anmeldung möglich. Der Personalausweises des Besuchers muss hierbei bei der Eingangskontrolle für die Dauer des Aufenthaltes abgegeben werden)
  • künftig maximal in Dreibett-Zimmer, mehr Einzelzimmer
  • maximal 400 Flüchtlinge, statt wie bisher 450 (Stand: 2012)

Mit einem Hungerstreik vor dem Grafeneckart am Vierröhrenbrunnen machten iranische Flüchtlinge auf die Bedingungen in der Kaserne aufmerksam. Die Main-Post und das Rudolf-Alexander-Schröder-Haus organisierten außerdem mit dem „Stadtgespräch“ eine gutbesuchte Diskussionsrunde, an der Betroffene, ehrenamtliche Helfer, Stadträte und Vertreter der Regierung von Unterfranken teilnahmen.[5][6]

Hungerstreik der Asylbewerber[Bearbeiten]

Ab Mitte März 2012 hungerten acht iranische Asylbewerber aus dem Iran in einem improvisierten Zeltlager auf dem zentralen Platz am Grafeneckart. Manche sahen darin ein verzweifeltes Aufbegehren. Mit ihrem Hungerstreik, der bis mindestens zum 2. April dauern sollte, wollten die Asylbewerber ihre Anerkennung als politische Flüchtlinge erreichen. Sie kritisierten unter anderem die langen Verfahren.

Am 4. April 2012 kam dann die Meldung „Hungerstreik vorerst beendet“. Die iranischen Asylbewerber beendeten ihren Hungerstreik vorerst. Nach einem Gespräch mit Vertretern des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, des bayerischen Sozialministeriums, der unterfränkischen Regierung und der Stadt wurde vereinbart, dass die Asylanträge in den nächsten zwei bis drei Wochen geprüft werden. Das Camp der Hungerstreikenden am Vierröhrenbrunnen durfte bis zum 10. April dort bestehen bleiben, anschließend wurde es an verschiedene Orte in der Innenstadt verlegt (Marktplatz, Dominikanerplatz, Juliuspromenade). Alle Beteiligten fanden die Gespräche konstruktiv.[7][8]

Für Aufsehen sorgten die iranischen Demonstranten in den Monaten Juni und Juli 2012: Sie ließen sich aus Protest zeitweise die Lippen zunähen.[9][10]

Einen weiteren Hungerstreik gab es im Sommer 2014 in der Würzburger Innenstadt. Dieser wurde nach Zusage von Unterstützung durch Bischof Friedhelm Hofmann nach mehr als 65 Stunden beendet.

Besucherinformation[Bearbeiten]

Die Asylbewerber in der Gemeinschaftsunterkunft können durch das spendenfinanzierte Projekt Heimcafé des Vivovolo e.V. besucht werden. Es handelt sich bei dem ehrenamtlichen Café um einen offenen Treffpunkt auf dem Gelände der Gemeinschaftsunterkunft, der bewusst die Kommunikation zwischen Bewohnern der GU und externen Besuchern fördern möchte. Das Heimcafé bietet neben Sitzgelegenheiten und Getränken unter anderem auch eine Tischtennisplatte und einen Tischkicker.

Das Heimcafé ist immer Montags von 19 bis 21 Uhr geöffnet. Für den Besuch ist jedoch eine Voranmeldung unbedingt notwendig. Das Gelände darf nur mit gültigem Personalausweis betreten werden, der für die Dauer des Besuches abgegeben werden muss.

Literatur[Bearbeiten]

  • Katharina Bosl von Papp: Würzburger in der Fremde – Fremdsein in Würzburg. Echter-Verlag, 2004. ISBN 3-429-02628-8 (Von Philipp von Hutten (1511 1546) über die mainfränkische Auswanderung nach Russland und Ungarn im 18. Jahrhundert hin zu der aktuellen Situation von Flüchtlingen im Würzburg des 21. Jahrhunderts.)

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Gesetze und Verordnungen[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1,0 1,1 Main-Post: Stadt fordert bessere Unterbringung von Asylbewerbern (15.03.2012)
  2. Caritas Würzburg: Sommerfest in der Gemeinschaftsunterkunft (01.07.2013)
  3. Regierung von Unterfranken: Zugangszahlen bei den Asylbewerbern steigen weiter dramatisch (03.09.2014)
  4. Regierung von Mittelfranken: Zentrale Rückführungsstelle Nordbayern (ZRS)
  5. Main-Post: Hungern vor dem Rathaus (20.03.2012)
  6. Olaf Przybilla (Süddeutsche Zeitung): Asylbewerber im Hungerstreik (21.03.2012)
  7. Main-Post: Iraner und Stadt einigen sich vor Gericht (18.05.2012)
  8. Main-Post: Hungerstreik vorerst beendet (04.04.2012)
  9. Süddeutsche Zeitung: Asylbewerber nähen sich Lippen zu (04.06.12)
  10. Main-Post: Protestierende Iraner: Lippen wieder geöffnet (06.07.2012)

Kartenausschnitt[Bearbeiten]

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